Julia - Der Film
Kurzinhalt
Julia (Tilda Swinton) ist 40, Alkoholikerin und eine furiose Lügnerin. Zwischen Wodka-Exzessen und One-Night-Stands versucht sie vergeblich, die Tiefschläge des Lebens zu parieren. Als sie auch noch ihren Job verliert, macht sie sich zu einem verzweifelten Kraftakt auf: Angestachelt von ihrer mexikanischen Nachbarin (Kate del Castillo) kidnappt sie den achtjährigen Tom (Aidan Gould) aus der Obhut seines reichen Großvaters. Mit dem Kind im Schlepptau und einem Millionenlösegeld vor Augen, flüchtet Julia von Kalifornien nach Mexiko - kopfüber auf Kollisionskurs...Interview mit Tilda Swinton
"Eine amoralische Geschichte" - Interview mit Tilda SwintonWie wurden Sie zu JULIA?
Ich hatte noch vor der ersten offiziellen Kontaktaufnahme gerüchteweise von dem Film gehört, weil ich Zonca in Cannes unter sehr frivolen Umständen getroffen hatte und ihn wirklich mochte. Er ist ein außergewöhnliches Tier mit untrüglichem Instinkt. Ich erinnere mich, jemanden über Rossellini sagen zu hören, dass er nur Fakten filme - das ist genau das, was Zonca tut. Er baut einfach auf und filmt die Fakten. Er ist kein Zeuge, er will in den Köpfen seiner Figuren sein und gleichzeitig ganz um sie herum, sie umarmen. Ich denke, das ist einzigartig und ich wollte daran teilhaben.
Wie würden Sie Ihre Figur beschreiben?
Am Anfang des Films steht eine innige Beziehung, zwischen Julia und dem Trinken. In der Eröffnungsszene in der Bar sind fünfzig Leute, alle betrunken, aber sie trinken, weil Freitagnacht ist und vielleicht trinken sie nur jeden vierten oder sechsten Freitag. Wie auch immer, ein paar von ihnen sind ernsthafte Alkoholiker, und Julia gehört dazu. Aber sie sieht nicht so aus. Man sieht, wie sie - theoretisch - ihrem Vergnügen nachgeht, aber in Wahrheit ist sie nur wegen des Trinkens da. Sie isst die Zwiebelchen und Oliven aus ihren Cocktails, weil es möglicherweise das Einzige ist, was sie an diesem Tag zu sich nimmt. Aus ihrem Alkoholismus resultiert ihre chronische Lügerei. Sie weiß nicht, wie man die Wahrheit sagt, nicht mal, dass es eine gute Idee wäre, das zu lernen. Sie tritt das Gaspedal voll durch, aber alles läuft in die falsche Richtung und mit jedem Schritt wird sie hilfloser.
Der Weg kann für sie also nur nach unten führen?
Wenn wir ihr begegnen, ist sie wirklich in einem grauenhaften Zustand. Als Johnny sie aus dem Taxi stößt und ihr nicht mal aufhilft, versteht man, dass das Leben wirklich hart für sie werden wird. Eine der Szenen die ich liebe, weil es vielleicht einer der wenigen Momente ist, in denen sie die Wahrheit sagt, ist, als sie Nick, ihren Ex-Freund trifft und versucht ihn dazu zu überreden, diese Abzocke mit ihr durchzuziehen. Vor zwanzig oder selbst vor zehn Jahren hätte das prima funktioniert, aber jetzt bricht ihr Leben auseinander. Wenn man nach einem Motiv sucht, warum sie den Jungen, Tom, entführt, dann ist es ihre wachsende Angst.
Ihr Zusammentreffen mit Tom ist ausschlaggebend ...
Es ist ein entscheidender Moment für Julia. Wir sehen sie als eine Art verbrauchtes Partygirl, aber von diesem Zeitpunkt an legt sie einen Gang zu - hin zur Selbstzerstörung. Ein Alkoholiker ist sich selbst entfremdet. Man kann nicht sagen, dass Julia mit irgendjemandem eine Beziehung hätte. Sie schluckt die Menschen und spuckt sie wieder aus. Der einzige Grund, warum sie sich mit Elena abgibt, ist der finanzielle Aspekt, den Elena anspricht. Mit dem Jungen ist das etwas anderes, denn der verhält sich nicht so, wie sie erwartet hat. Sie dachte, sie würde einen 4-Jährigen entführen, aber sie bekommt es stattdessen mit einem 9-Jährigen zu tun, der mindestens so tough, wenn nicht tougher, ist als sie.
Inwieweit kann sie sich in ihn hineinversetzen?
Wir wollten ziemlich radikal an die Sache herangehen und eine Frau zeigen, die in keinerlei Verbindung zu ihren Muttergefühlen steht. In Filmen wird dies so gut wie nie gezeigt, es herrscht geradezu eine reflexartige Meinung, dass jede Frau diese Gefühle hegt. Es ist ungeheuerlich, dass eine Frau in diesem Lebensabschnitt derartige Dinge tut, wie etwa eine Waffe an den Kopf eines Kindes zu halten. Andererseits steht sie jemand anderem in einer Notlage bei und ist dabei genauso authentisch, so dass man dabei immer noch mit ihr mitgeht.
Welche Wirkung hat die Flucht durch die Wüste nach Mexiko auf Julia?
Ich liebe es, dass sie die einzige Amerikanerin ist, die ich je in einem Film die Grenzmauer nach Mexiko habe durchbrechen sehen! In L. A. herrscht eine gewisse Klaustrophobie. Nicht wegen der Gebäude, sondern wegen des Mangels an freier Aussicht. Wenn Julia dann nach ihrer Nacht mit Diego in Tijuana aufwacht, blickt sie über dieses Elendsviertel und findet es schön. Das hat Substanz; es ist besser, als ein grünes Pailletenkleid überzustreifen. Sie ist entkommen. Und dann, zwanzig Sekunden später, jagt sie den Gangstern hinterher, die Tom mitgenommen haben.
Der Film überschreitet Grenzen, nicht nur die von Ländern, auch die von Genres ...
Ich mag diese Beiläufigkeit, mit der man sich plötzlich in einem komplett anderen Film wiederfindet: einem Thriller, einem Gangsterfilm, einem film noir. Nach meinem Verständnis gleicht das einem Zustand des Angetrunkenseins. Plötzlich steckst du viel tiefer in einer Sache drin, als du vorhattest, und wenn dir das klar wird, hast du bereits die halbe Strecke zurückgelegt und realisierst, dass du ein Gewehr an deinem Kopf hast. Formal ist das riskant, aber in Bezug auf Atmosphäre und Raum ist es wirklich radikal.
Der Film versucht nicht, Julias Suchtverhalten zu erklären...
Meiner Meinung nach ist es wirklich mutig, das nicht zu tun. Wo ist die Szene, in der Julia sagt: �Weißt du, Elena, ich werde dir helfen, weil du mich an meine Mutter erinnerst.� So funktioniert sie nicht. Sie hat den Überlebensinstinkt eines Tieres. Sie verliert den Jungen, aber es gelingt ihr, ihn zurück zu bekommen. Und am Ende gelingt es ihr mit einer neuen Lüge aufzuwarten. Easy come, easy go. Im Herzen dieser Figur, und dadurch im Herzen des Films, steht die Fähigkeit zur totalen Wahllosigkeit. Dinge tun ohne Beweggrund. Es ist ungewöhnlich f�r einen Film �ber eine Suchtkranke, sie nicht zusammenbrechen zu sehen und sagen zu hören: "Mein Leben ist Lug und Trug".
Julia agiert wie eine Profi-Boxerin, die jeden ausknockt. Fühlte es sich so an, sie zu spielen?
Ich kam mir tatsächlich wie eine Kämpferin vor. Erick und ich stimmten darin überein, dass es physisch anstrengend sein musste, weil sie ihren Körper auf so viele Arten zusammenschlägt. Es ist, als w�re sie dauernd schweißgebadet, sei es, weil sie einen Ausweg aus einer Krisensituation finden muss oder eine Lüge ausdenken, oder einfach weil sie in diesen Schuhen und zu engen Kleidern durch Los Angeles oder Mexiko läuft. Der physische Kampf ist gnadenlos. Schauspielerisch war das für mich Neuland. Ich habe stets versucht, Facetten meiner eigenen Erfahrungen einzubringen und sie zu einer Geschichte zu vergrößern. Vor JULIA habe ich mich noch nie so weit außerhalb meines gewählten Rahmens bewegt.
Wie war es, diesen Film zu drehen?
Die Atmosphäre am Set war wirklich wild, weil wir auch uns selbst immer vorausgeeilt sind. Wir hatten permanent Angst. Man musste nicht erst Julia spielen, um einen leichten Schweißfilm im Nacken zu spüren. Wir waren dem ausgesetzt. In Mexiko war es Hardcore-Shooting, auch wenn wir es dort geliebt haben und die Crew fantastisch war. Es war wie Krieg im Schützengraben. Aber JULIA ist auch ein Film, der von einer eng zusammenhaltenden Gruppe gedreht wurde. Jede Abteilung war zum Äußersten eingespannt.
Und die Arbeit mit Erick Zonca?
Dieser Film fühlt sich wie der Beginn jener Art von Arbeit an, auf die ich mich mein Leben lang schon gefreut habe. Ich bin wirklich stolz darauf und erleichtert, dass es so gekommen ist, eben weil ich es mir so gewünscht habe - und dann war es soweit. In der Möglichkeit diesen Film zu machen, mit diesem Regisseur, liegt etwas Besonderes. Sein Kino fühlt sich sehr emotional, sogar spirituell an. Zoncas Figuren sind Überlebende. Immer geht es um die Fortdauer des menschlichen Geistes. Das ist unglaublich optimistisch. Und was so erfrischend dabei ist, ist, dass die Geschichten wirklich amoralisch sind. Kein großes Statement des europäischen Künstlers über die Vereinigten Staaten von Amerika und ihre Grenzregion. Da werden keine Behauptungen aufgestellt. Das finde ich richtig bescheiden und irgendwie verantwortungsvoll.
Cast & Crew
Cast
- Julia: Tilda Swinton
- Mitch: Saul Rubinek
- Tom: Aidan Gould
- Nick: Jude Ciccolella
- Diego: Bruno Bichir
- Santos: Horacio Garc�a Rojas
- Miguel: Gast�n Peterson
- Jos�: Mauricio Moreno
- Johnny: Kevin Kilner
- Phillip: John Bellucci
- George: Ezra Buzzington
- Frank: Roger Cudney
- Leon: Eugene Byrd
- Marcus: Sandro Kopp
Crew
- Drehbuch: Aude Py & Erick Zonca
- Regie: Erick Zonca
- Regieassistenz: Camille Natta
- Kamera: Yorick le Saux
- Ton: Pierre Mertens
- Tonmischung: Thomas Gauder
- Szenenbild: Francois-Renaud Labarthe
- Kost�m: April Napier
- Make-up: Sandra Miguelli
- Casting: Heidi Levitt, Manuel Teil
- Schnitt: Philippe Kotlarski
- Tonschnitt: Gert Janssen
- Produzenten: Francois Marquis, Bertrand Faivre
- Herstellungsleitung: Sandra Solares
- u.v.a.
Pressenotiz
Erick Zoncas rasantes Drama feiert in jeder Minute seine großartige Hauptdarstellerin Tilda Swinton. Die Ikone des britischen Kinos zieht in "Julia" alle Register ihres Könnens. Im Wettbewerb der Berlinale war sie eine Favoritin f�r den Darstellerpreis, f�r ihre Rolle in "Michael Clayton" erhielt sie jetzt den Oscar.Technische Angaben
- Format: 35 mm / 1:2.35 / Farbe
- Ton: Dolby SR / Dolby SRD
- Sprachfassung: Deutsch